Ida Altmann-Bronn

Ida Altmann-Bronn (1862-1935)

„Die wirtschaftliche Umwälzung, die unaufhaltsam ist“

„Die Weiber sind schlimmer als die Männer“ war das Mi-mi-mi eines Textilfabrikanten in Sachsen, als Männer und vor allem Frauen beim Streik die Branche in Crimmitschau lahmlegten. Dieser Streik dauerte von 1903 bis 1904 und ging letzten Endes doch verloren. Er hinterließ aber einen so nachhaltigen Schock bei den Arbeitgebern, dass sie in dessen Folge hektisch Arbeitgeberverbände gründeten.

Die Hauptlast des Streiks trugen die Frauen und sie beteiligten sich auch eifrig daran. Als Streikposten zu stehen war ihnen zwar verboten. Aber sie tauchten mit Kinderwagen auf und erklärten: „Aber unsere Kinder dürfen wir doch spazierenfahren!“ Hochachtung bekamen sie von Ottilie Bader gezollt, einer der Heldinnen der Frauenbewegung: „Die feste, besonnene Haltung der Arbeiterinnen, die doch zum ersten Mal in diesem Kampf standen, war bewundernswert.“

Um die Frauen für folgende Streiks zu stärken wurde das „Gewerkschaftliche Arbeiterinnensekretariat“ bei der Gewerkschaft eingerichtet. Berufen wurde Ida Altmann-Bronn. Geboren wurde sie 1862 in Ostpreußen und besuchte in Königsberg die Höhere Töchterschule und das Lehrerinnenseminar. Lehrerin war damals das Beste, was als Frau erreichbar war. Als Jüdin aber war ihr der Staatsdienst versperrt. Sie arbeitete als Privatlehrerin und kam so nach St. Petersburg, damals europäischer Sehnsuchtsort mit reicher Kultur und politisch revolutionären Ideen. Als sie dann 1890 nach Berlin zog, war der Schritt in die SPD und die freireligiöse Gemeinde nur folgerichtig.

In die Gewerkschaftsbewegung kam sie über Emma Ihrer. Der Weg dahin war für Frauen steiniger als für Männer, denn der preußische Staat verbot Frauen jede politische Betätigung. Neben der Doppelbelastung von Arbeit und Familie blieb auch kaum Zeit für die Gewerkschaft. Und schließlich gab es in der Arbeiterbewegung einen ausgeprägten Antifeminismus, wie Bebel bloßlegte: „Eine nicht unerhebliche Anzahl Sozialisten stehen der Frauenemanzipation nicht weniger abgeneigt gegenüber, wie der Kapitalist dem Sozialismus. Die abhängige Stellung des Arbeiters vom Kapitalisten begreift jeder Sozialist und er wundert sich oft, dass die Kapitalisten selbst sie nicht begreifen wollen; aber die Abhängigkeit der Frau vom Manne begreift er häufig nicht, weil sein eigenes liebes Ich ein wenig dabei in Frage kommt.“ Ganz unbekannt kommt das heute nicht vor.

Ida Altmann-Bronn wirkte als hauptamtliche Gewerkschaftssekretärin von 1905 bis 1909. Sie selbst sagt über diese Zeit: „Ich habe ... massenhaft korrespondiert, tausend Agitationsfäden angesponnen und daran weitergesponnen. Das kostete ungeheuer viel Zeit.“ Grund für ihren Rücktritt waren vermutlich die Einzelverbände, die rückständiger waren und die nach ihrer Analyse glaubten, „die wirtschaftliche Umwälzung, die doch unaufhaltsam ist, in ihrem Gange aufhalten zu können.“ Freunde unter ihren Kollegen hat sie sich so nicht gemacht.

Noch bis 1911 blieb sie SPD und Gewerkschaft als Rednerin erhalten. Im Jahr darauf zog sie 1912 nach Elsass-Lothringen und heiratete ihren Jugendfreund Jegor Bronn. Das Ehepaar kehrte 1919 nach Berlin zurück, aber sie wurde politisch nicht mehr aktiv. Entrechtet starb sie 1935 und wurde anonym auf dem freireligiösen Friedhof in der Pappelallee beigesetzt.

Die von ihr mitbegründete Gewerkschafterinnenbewegung gewann über die Jahre immer mehr an Gewicht. Waren es 1892 erst 4.355 Arbeiterinnen, die organisiert waren, stieg diese Zahl bis 1900 auf 19.280 und schnellte bis 1912 auf 216.462 Mitglieder hoch. Seitdem ging es weiter bergauf. Um 1900 waren rund 10% der Gewerkschaftsmitglieder weiblich. Fünfzig Jahre später waren es 17%, inzwischen sind es 33%. Ida Altmann-Bronn würde sich über die Entwicklung sicher freuen, aber auch heute braucht es Frauen wie sie. Im Arbeitsleben stellen Frauen schließlich 44% der Arbeitenden, bei den Gewerkschaften sind es gut zehn Prozent weniger.

 

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