Helene Schmitz

Helene Schmitz (1874-1945)

Würde auch für Prostituierte

Die Revolution von 1919 brachte den Frauen nicht nur das Recht, zu wählen, sondern auch gewählt zu werden. Helene Schmitz war eine der ersten, die dieses Recht wahrnehmen konnte. Sie bekleidete innerhalb der SPD bis 1919 in verschiedene Funktionen und diente der Weimarer Republik von 1919 bis 1932 im Stadtparlament und dem preußischen Landtag als selbstbewusste Frau. Ihr Mann erinnerte sich an sie als „von Natur aus resolut und ausgesprochen kämpferisch veranlagt.“ Ihre Vorträge und Artikel im Vorwärts spiegeln das wieder. Als Fachfrau für sozialen Fragen kämpfte sie für die sozial Benachteiligten. Der Nationalsozialismus brachte das alles zu einem jähen Ende. Politisch verfolgt und überwacht verstarb sie kurz vor Ende der Befreiung. Helene Schmitz wurde als Helene Hüser am 18.3.1874 in Elberfeld als Tochter eines Schuhmachers geboren. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte sie eine Lehre als Posamentiererin, als Herstellerin von Accessoires wie Volants, Spitzenbordüren oder Kordeln für die Stoffproduktion, und arbeitete anschließend auch in diesem Beruf. Bis zu ihrer Heirat 1894 war sie Meisterin und Abteilungsleiterin in einer Elberfelder Fabrik zur Herstellung von Zierborten.

Als sie 1894 ihren Ehemann August Schmitz, Schlosser, heiratete, gab sie diesen Beruf auf – von da an war sie Hausfrau. Ganz ausfüllend war das für sie offenbar nicht: Sie trat der SPD bei und nahm verschiedene Funktionen in der Elberfelder Partei wahr. Vermutlich legte sie in dieser Zeit auch ihren evangelischen Glauben ab.

Das Ehepaar Schmitz zog 1910 nach Berlin, wo ihr Mann Anstellung bei dem Verband der Lebensmittel- und Getränkearbeiter, einer Gewerkschaft, fand. Helene Schmitz war weiter politisch in der SPD aktiv und wurde bereits 1916 in den SPD- Bezirksvorstand, entsprechend dem heutigen Landesvorstand, gewählt.

Die Not des verlorenen Krieges führte 1919 zu einer Neuorganisation in der SPD: Am 13. Dezember 1919 wurde die Arbeiterwohlfahrt als „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD“ als Selbsthilfe der Arbeiterschaft gegründet. Schwerpunkt war zunächst die Linderung der Not aller durch den Ersten Weltkrieg Geschädigten. Später wurde sie zu einer Hilfsorganisation für alle Bedürftigen. Helene Schmitz gehörte dem Vorstand der AWO von 1919 bis zum Verbot 1933 an.

Die Revolution von 1918 befreite auch die Frauen aus der politischen Unmündigkeit – bis dahin durften sie weder wählen noch gewählt werden. Für Helene Schmitz legte

das den Grundstein für eine jahrzehntelange Karriere in verschiedenen Parlamenten: Bereits bei der Stadtverordnetenwahl 1919 wurde sie im Wahlkreis 4 – Prenzlauer Berg gewählt. Zweimal (1920 und 1921) wurde sie wiedergewählt und gehörte dem Stadtparlament bis 1926 an. Vergeblich kandidierte sie 1924 für den preußischen Landtag, rückte aber 1925 für den verstorbenen Dr. Hermann Weyl nach und verlor ihr Mandat erst 1932 wieder.

Die Wahl von 1932 war für Deutschland eine Schicksalswahl, obwohl es sich „nur“ um eine preußische Wahl handelte. Im Wahlkampf machte sich Helene Schmitz stark für die Wiederwahl Otto Brauns und zählte in einer Rede die Erfolge der sozialdemokratischen Regierungen in Preußen auf, wie der Vorwärts vom 14.04.1932 berichtet: „Das Schicksal Preußens ist das Schicksal der Arbeiterschaft. Unter der Regierung Braun-Severing ist trotz des verlorenen Krieges, trotz Not und Elend eine ungeheure Arbeit geleistet worden. Da sind die großzügigen Maßnahmen in der Wohlfahrtspolitik: [...]. Durch den Ausbau der Krankenkassen [...] wurde die Volksgesundheit gehoben. [...] In der Justizverwaltung wurde der humane Strafvollzug eingeführt: soziale Gerichtshilfe und Gefangenenfürsorge leisten Großes auf dem Gebiet. Der Wohnungsbau wurde großzügig angefaßt, seit der Inflation wurden in Preußen anderthalb Millionen Wohnungen hergestellt. Diese Liste könnte auf allen Gebieten ins Unendliche ausgeführt werden. Wenn wir diese Errungenschaften behalten und weiter ausbauen wollen, dann müssen wir Preußen behalten, dann müssen alle Frauen Braun und Severing wählen (Lebhafter Beifall).“ Sie zog damit auch ein Resümee ihres Wirkens, der Einsatz war aber vergeblich. Mit dieser Wahl verlor die „Weimarer Koalition“ in Preußen ihre Mehrheit. Nur kurze Zeit später wurde das demokratische und soziale Preußen durch den sogenannten „Preußenschlag“ komplett ausgelöscht und den Nazis so willfährig der Weg bereitet.

Die Machtübergabe an die Nazis im Januar 1933 im Reich war für das Ehepaar Schmitz ein tiefer Eingriff in ihr Leben. Helenes Mann verlor seine Stellung im Zuge der Gleichschaltung der Gewerkschaften. Damals schon 60 Jahre alt fand er keine Stelle mehr und auch seine Rente wurde ihm nicht ausgezahlt, da das Vermögen der Gewerkschaften einschließlich ihrer Rentenkassen eingezogen worden war. Aufgrund ihrer politischen Tätigkeit wurde Helene Schmitz von der Gestapo überwacht, sodass sich das Ehepaar schließlich entschloss, umzuziehen.

August Schmitz erinnerte sich 1952: „Unsere jahrelange Arbeit für die SPD war natürlich noch ein mitbelastendes Moment bei der Auseinandersetzung mit den Nazis.

... Die tägliche Bespitzelung wurde so unangenehm, dass wir uns entschlossen, unsere Wohnung in der Bornholmer Straße aufzugeben. Unser Häuschen in Frohnau wurde zum Sammelpunkt der alten Kollegen und auch Naziverfolgten, ständig kamen Gertrud Scholz und Johannes Haß ... und Minna Todenhagen.“

Das Haus, ihr neues Refugium, wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört und das betagte Ehepaar musste in eine Kellerwohnung in der Nähe umziehen. Die Befreiung vom Nationalsozialismus und das Ende des Krieges erlebte Helene Schmitz nicht mehr. Wenige Tage vor der Kapitulation starb Helene Schmitz am 4.5.1945 an einem Gehirnschlag. Ihr Mann musste sie in einer selbstgebauten Kiste beerdigen.

 

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